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05. Juni 2011
Die scheue Löwin am Klavier: zum 70. Geburtstag

»Martha Argerich kam ins Studio mit ihrem dunkel-glühenden Blick — und ich war zunächst perplex. Kaum war sie hereingekommen, da bat sie um Kaffee. Als ich ihr eine Tasse gab, stürzte sie sie in einem Zug herunter und wollte mehr. Ich setzte sie mit einer großen Kanne ins Studio und ging in den Regieraum. Zunächst bewegten sich ihre Hände beiläufig über die Tasten, während sie das Klavier ausprobierte. Dann ging sie über zu Chopins Polonaise op. 53. Mit einem langgezogenen »Jeesus« fuhr ich aus meinem Stuhl hoch, und der Toningenieur sagte nur: ‚Wow’.«
Es war im Jahre 1965, als der EMI-Produzent Suvi Raj Grubb zum ersten Mal jenes Charisma zu spüren bekam, mit dem die Pianistin Martha Argerich, die am 5. Juni 2011 ihren 70. Geburtstag feiert, bald die ganze Welt in ihren Bann ziehen sollte.
Es war im Jahre 1965, als der EMI-Produzent Suvi Raj Grubb zum ersten Mal jenes Charisma zu spüren bekam, mit dem die Pianistin Martha Argerich, die am 5. Juni 2011 ihren 70. Geburtstag feiert, bald die ganze Welt in ihren Bann ziehen sollte.
Schon in dieser kleinen Szene zeigt sich ihre faszinierende Aura - eine Mischung aus hochvirtuoser Technik, Ungestüm, Wildheit und spontaner Musikalität, mit der sie kurz zuvor schon eine strenge Jury begeisterte. Im selben Jahr hatte die 1941 in Buenos Aires geborene Pianistin bereits den Blick der musikalischen Welt auf sich gelenkt, als sie den hoch renommierten Warschauer Chopin-Wettbewerb gewann. Wie es zu diesem Durchbruch kam, zeigt einen weiteren, für die Pianistin nach wie vor bestimmenden Wesenszug: Scheu, Selbstzweifel, Skrupel hinsichtlich des einmal Erreichten.
Nach ersten Studien in ihrer argentinischen Heimat bei Vincent Scaramuzza und nach Auftritten im frühen Kindesalter kam sie in Wien unter die Fittiche des Klavierexzentrikers Friedrich Gulda, der selbst bekannte, dass er ihr kaum noch etwas beibringen könne. Mit sechzehn dann, im Jahre 1957, gewann sie den Busoni Wettbewerb in Bozen, drei Wochen später den Wettbewerb von Genua. Die Weichen für die große Karriere waren gestellt. Doch nun kamen zum Ungestüm die Selbstzweifel: »Ich spiele gern Klavier, aber ich bin nicht gerne Pianistin", lautet ein berühmtes Zitat von ihr, und »wer nicht an sich selber zweifelt, ist kein Künstler". Sie zog sich vorübergehend aus dem Musikleben zurück, trat aber 1964 in Warschau an — und erzielte einen sensationellen Erfolg. Schnell erlagen ihr Publikum und Kritik auf der ganzen Welt: »Vulkanisch«, »ein Naturereignis« — voller »elementarer Kräfte des Klavierspiels«: Viele Vokabeln, mit denen die Kritiker ihr Spiel zu umschreiben versuchen, und die urwüchsige Intensität in Worte zu fassen, mit denen Martha Argerich die große Klavierliteratur gestaltet. Ein Buch über sie trägt den bezeichnenden Titel Die Löwin am Klavier.
Dabei bleibt die Künstlerin aber auch die große Scheue, fast Unnahbare, die von sich selbst sagt, alleine auf der Bühne Furcht zu empfinden — und froh zu sein, sich hinter ihren langen Haaren verstecken zu können. So ist auch ihre poetische Seite ein wichtiger Wesenszug, den sie in ihrem bevorzugten Repertoire - Romantik und 20. Jahrhundert — in vielen Facetten zum Ausdruck bringt.
Seit dem einschneidenden Erlebnis von Suvi Raj Grubb ist Martha Argerich dem roten EMI-Label verbunden geblieben. Ihre Diskographie bietet die Dokumentation ihrer Laufbahn — einiges zeigt die Pianistin in Live-Mitschnitten. Ingesamt enthält ihre Diskographie die große Sololiteratur von Schumann und Ravel, aber auch die großen Klavierkonzerte von Chopin, Schumann, Bartók und Prokofieff. Die Chopin-Aufnahme von 1965, die aus rechtlichen Gründen erst viel später erscheinen konnte, ist eine der legendärsten Aufnahmen Martha Argerichs geworden. Weitere große Momente sind ihre Auftritte aus den 70er Jahren im Amsterdamer Concertgebouw.
Seit 1980 entdeckte die Pianistin mehr und mehr die Kammermusik. Bald verabschiedete sie sich ganz von Solo-Recitals. 2002 begründete sie ein eigenes Projekt im Rahmen des Festivals von Lugano, wo sie jedes Jahr mit vielen Freunden und von ihr geförderten Nachwuchskünstlern sehr farbenreich besetzte Klavier- und Kammermusik musiziert.
Die Lugano-Reihe ist gleichzeitig mit Live-Mitschnitten eine Serie bei EMI Classics geworden. Die Dokumentationen zeigen, dass weder Martha Argerichs künstlerische Kraft noch die Faszination, die sie auf junge Kolleginnen und Kollegen ausstrahlt, auch nur im Mindesten nachlassen.
